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Scheuermannsche Krankheit

Die Scheuermannsche Krankheit, auch Morbus Scheuermann oder juvenile Kyphose, (med. Nomenklatur: Osteochondritis deformans juvenilis dorsi) ist eine Wachstumsstörung der jugendlichen Wirbelsäule, welche zu einer schmerzhaften Fehlhaltung führen kann. Es handelt sich um eine aseptische Osteochondrose (Knorpel-Knochenerkrankung ohne Beteiligung von Keimen). Männliche Jugendliche sind 4-5 mal häufiger betroffen als weibliche Jugendliche. Der Übergang zur Haltungsschwäche und Normvariante ist fließend.

Pathogenese


Während des pubertären Wachstumsschubes zwischen dem 11. und dem 15. Lebensjahr bei Mädchen und dem 12. bis 17. Lebensjahr bei Jungen ist die Wirbelsäule besonders anfällig für Fehlentwicklungen. Bei vermehrter Biegebelastung (z.B. langes gebeugtes Sitzen deswegen im Volksmund auch "Schneider-Buckel" oder "Lehrlings-Buckel" genannt) und bei gleichzeitig schwacher Rückenmuskulatur (fehlender Gegenzug) werden die Wirbelkörper an den konkavseitigen ventralen Vorderkanten unverhältnismäßig stark belastet, und es kommt zu Schäden an den Knorpel-Knochen-Verbindungen der Wirbelkörperdeckplatten und Wirbelkörperkanten. Die Wachstumszone an den Wirbelkörperkanten wird geschädigt, die Wirbelkörper verformen sich keilförmig und zerfurchte, zerklüftete Deckplatten, kleine linsen- bis erbsengroße Kavernen (Schmorlsche Knötchen) entstehen und in gravierenden Fällen treten Deckplatteneinbrüche auf.

Meistens ist die Distanz der Wirbelkörper zueinander im Verhältnis zu normalen Wirbelsäulen stark verringert. Dadurch gerät die Wirbelsäule in eine Fehlstatik. Durch die Keilform mehrerer Wirbelkörper kommt es zur Rundrücken- oder Buckelbildung, d.h. zur verstärkten Kyphosierung der Wirbelsäule. Oft entsteht kompensatorisch im Bereich der Lendenwirbelsäule eine verstärktes Hohlkreuz = Hyperlordose.

Es gibt auch eine atypische Sonderform des M.Scheuermann Typ II die vorwiegend die Lendenwirbelsäule betrifft. Dort entsteht dann statt einer natürlichen Lordose ein Flachrücken oder gar eine Kyphose der Lendenwirbelsäule. Die Langzeit-Schmerzprognose des atypischen M.Scheuermann II ist noch ungünstiger als bei M.Scheuermann der Brustwirbelsäule.

Mit Abschluss des Wachstums kommt die Erkrankung zum Stillstand, d.h., der ''M. Scheuermann'' ist selbstlimitierend. Die eingetretenen Schäden an den Knorpeln und Wirbelkörpern bleiben für den Rest des Lebens bestehen.

Die von Morbus Scheuermann vorgeschädigte Wirbelsäule kann auf Grund der Fehlstatik und der verringerten Wirbelkörperdistanz im Erwachsenenalter erhebliche Probleme und Schmerzen bereiten.
Osteochondrose, weitere zu frühe Degeneration, Blockaden der Brustwirbelsäule und eine Verschlechterung des Cobb-Winkels der Brustwirbelsäulen-Kyphose (Zunahme des Buckels) können die Spätfolgen von Morbus Scheuermann im Erwachsenen Alter sein.

Man spricht dann nicht mehr von Morbus Scheuermann sondern vom "Zustand nach M.Scheuermann" oder Post-Scheuermann-Syndrome.

Diagnose


Die Diagnose wird durch den typischen Röntgenbefund in der seitlichen Aufnahme, Rückenschmerzen und passendes Alter gestellt. Häufig wird M. Scheuermann als Zufallsbefund z.B. bei Thorax-Röntgenbildern diagnostiziert.

Für eine sorgfältige Diagnose bei Scheuermannscher Krankheit ist eine sagittale (seitliche) Ganzwirbelsäulenaufnahme erforderlich, bei der der Kyphose- und Lordosewinkel nach COBB vermessen wird.

Auch die betroffenen Keilwirbel sollen benannt und in ihrerm Keilwinkel vermessen werden. Wirbelkörper mit Normabweichungen sollten benannt und beschrieben werden. (Z.B. Erbsengroßer "schmorl´scher Knoten in Deckplatte WK Th 5 Keilung 15°, ventrale Randeinbrüche)
Die Fixierung oder Restbeweglichkeit der Wirbelsäule ist durch eine Vermessung nach SCHOBER und OTT zu dokumentieren.

Ohne sorgfältige Diagnose und Dokumentation der Messwerte ist die Beobachtung und Prognose für der Progredienz (Verschlechterungstendenz) nicht möglich.

Bei Erwachsenen mit M. Scheuermann und Schmerzproblemen sollten differenzialdiagnostisch Morbus Bechterew und ähnliche Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises sowie Osteoporose ausgeschlossen werden.

Behandlung

Entscheidend ist das Vermeiden von Fehlbelastungen (z.B. stundenlanges gebeugtes Sitzen).
Nicht grundsätzlich jede Sportart ist für Scheuermann-Patienten geeignet. Sportarten, bei denen die Wirbelsäule erheblichen Kompressions- und Torsions-Belastungen durch Stöße, Sprünge, Schläge,Stürze usw... ausgesetzt sind (Kampfsportarten, Hallen-Ballsportarten, Geräte- und Bodenturnen, Radfahren in Rennradhaltung, Laufsportarten auf harten Böden mit ungenügender Dämpfung, usw...) können die Beschwerden verstärken.

Geeignet sind Kraftsport (ohne stemmende und drückende Belastungen), Schwimmen, Gymnastik, walken, usw.... Es ist darauf zu achten, dass keine inklinierenden, die Kyphose verstärkenden Übungen, z.B.Rudern, sit-ups, usw... durchgeführt werden.

Therapeutisches Ziel ist die Reklination, Aufrichtung und Streckung, Dehnung verkürzter und in den Rundrücken hinein ziehender Strukturen und Muskelketten, die Kräftigung der statischen autochtonen Muskulatur und Training einer aufrechteren Haltung.

Die effizienteste physiotherapeutische Methode zur Autoreklination (Selbstaufrichtung der Brustwirbelsäule) ist die atemtherapeutische Krankengymnastik nach Katharina Schroth .
Bei teilfixierten Kyphosen mit einem Cobb-Winkel über 50°, bei denen die Autoreklination nicht möglich ist, kann eine reklinierende Rumpf-Orthese (aufrichtendes Korsett) gute Erfolge zeigen, wenn das Korsett den Kyphosewinkel als Primärkorrektur mindestens 40% korrigiert und das Korsett mit ausreichender Compliance zusammen mit intensiver Krankengymnastik nach Katharina Schroth mindestens 20 Stunden pro Tag getragen wird. Auch bei erwachsenen Schmerzpatienten kann eine stark reklinierende Orthese schnelle Schmerzlinderung und eine deutliche Haltungsverbesserung bewirken.

Eine operative Aufrichtung der Wirbelsäule ist nur in extremen Ausnahmefällen über 70° Kyphosewinkel und bei starken, mit konservativen Methoden therapieresistenten Schmerzen angezeigt.
Die Operation erfolgt durch ventrale Entfernung der verschlissenen Bandscheiben, Einfügen von Knochensegmenten aus dem Beckenkamm und/oder Rippen statt der Bandscheiben, Aufrichtung durch Entfernung von dorsalen Knochenkeilen (Osteotomie) und Fixation durch Stabimplantate aus Titan oder Edelstahl, die mit Pedikelschrauben in den Wirbelkörpern verankert werden.

Auch ausgeprägte Befunde auf dem Röntgenbild können völlig beschwerdefrei bleiben und schränken die Belastbarkeit nicht notwendigerweise ein.

Nicht selten leiden weniger ausgeprägte Befunde unter erheblichen Schmerzen und Haltungsproblemen.

Ein Zusammenhang zwischen Schmerz und Schweregrad des Befundes M.Scheuermann besteht (ähnlich wie bei Skoliose ) nicht.


Die Informationen dienen der allgemeinen Weiterbildung. Sie können in keinem Falle die ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung ersetzen.
Bei gesundheitlichen Beschwerden sollten Sie ärztlichen Rat einholen.

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